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Vorwort

Die Geschichte der Offenen Jugendarbeit ist beinahe 50 Jahre alt.
Begonnen hat sie als autonome Bewegung vieler Jugendlicher in Mitteleuropa, die gestaltbare Räume in der Gesellschaft einforderten und dabei von wohlmeinenden und engagierten Erwachsenen (LehrerInnen, Jugendseelsorgern…) unterstützt wurden.
Im Lauf der Jahrzehnte hat sich aus dieser „Bewegung von Unten" eine organisierte Form sozialpädagogisch durchwirkter Jugendarbeit außerhalb der üblichen verbandlichen Strukturen (Jungschar, Pfadfinder, Sportclub, Trachten – und Traditionsvereine…) entwickelt.
Die unter dem Sammelbegriff der „Offenen Jugendarbeit" bekannt gewordenen Angebote an Jugendliche waren - und sind – durch ihre große inhaltliche Bandbreite und eine besondere Niederschwelligkeit im Zugang gekennzeichnet.
Sie wurden aber auch zunehmend mit einem gesellschaftspolitischen Auftrag ausgestattet und haben diesen weitgehend angenommen: Als „vierte Sozialisationsinstanz" neben Familie, Schule und Arbeitswelt zur Ausbildung jener Fähigkeiten beizutragen, die in der modernen Zivilgesellschaft gefragt sind: Selbstbestimmungsfähigkeit, Zivilcourage und Konfliktfähigkeit (um nur die wichtigsten zu nennen).
Im Lauf des Ausbaus und der zunehmenden finanziellen Unterstützung durch Länder und Gemeinden hat die Tätigkeit der Akteure in der Offenen Jugendarbeit eine Professionalisierung durchlaufen. Die Gestaltung und die Verwaltung
der Jugendhäuser sollten im Sinn des oben beschriebenen Auftrags erfolgen und mussten auf ein verlässliches Fundament und damit in die Hände ausgebildeten Personals gelegt werden.
Diese Professionalisierung mündete inhaltlich in der Herausbildung und Etablierung gewisser Mindeststandards in diesem Arbeitfeld (gemischtgeschlechtliche Teams, spezifische Vorbildung, Supervision und Fortbildung…) und eines spezifischen Fachdiskurses.

Heute präsentiert sich die Offene Jugendarbeit als ausgefeiltes, jedoch weiterhin flexibles und an den Bedürfnissen der Jugendlichen orientiertes Handlungsfeld der Kultur – und Sozialpädagogik. Die dort geleistete Arbeit muss sich in verschiedene Richtungen legitimieren, Nachvollziehbarkeit von Methoden und Zielen gelten als Gebot der Stunde.

Das vorliegende Konzept versteht sich als inhaltlich – strategischer Sockel, der die prinzipiellen Ansprüche mit jenen des Jugendzentrums Lienz im Konkreten zu verknüpfen versucht und die Förderkriterien des Landes Tirol berücksichtigt.
Die Sprache mag an manchen Stellen abstrakt und sperrig erscheinen, sie hat jedoch die Praxis, von der sie erzählt, in sich aufgesogen. Wie in anderen Fachgebieten auch üblich, kondensieren konkrete Erfahrungen in „Fachbegriffen" und werden in diesen „verdichtet".
Als Grundlagenkonzept sollen so die wesentlichen Rahmenbedingungen und Orientierungen ausgewiesen werden, konkrete Handlungsanleitungen lassen sich daraus zwar folgern, müssen aber auch noch konkretisiert werden.


Mag. Michael Klingseis, Juni 2011



Die Situation Jugendlicher als Herausforderung für die Offene Jugendarbeit

Eine bedarfsgerechte Jugendarbeit muss sich an den Lebenslagen Jugendlicher orientieren, wobei sie auf zwei Aspekte Bedacht zu nehmen hat: Auf die konstituierenden Merkmale der Lebensphase „Jugend" in modernen Gesellschaften und auf die jeweils aktuellen jugendkulturellen „Trends".
„Jugend" als eigener Lebensabschnitt hat sich als wahrnehmbares soziales Phänomen erst vor etwas über hundert Jahren entwickelt. Als zentrale konstituierende Merkmale dieses bedeutsamen Lebensabschnitts zwischen Kindheit und Erwachsenenalter lassen sich im Wesentlichen die Ausbildung einer (Geschlechts)Identität, die Absolvierung von Schule und Ausbildung sowie die individuelle und kollektive Sinn – und Grenzsuche benennen.
Die konzeptuelle Berücksichtigung dieser Entwicklungsaufgaben bildet das überdauernde sozialpädagogische Fundament unserer Arbeit.
Andererseits hat sich in den vergangenen Jahrzehnten im Zusammenhang mit einer gesamtgesellschaftlichen Diversifizierung und Beschleunigung auch ein rapider Wandel jugendkultureller Ausdrucksformen entwickelt. Eine Vielzahl an Szenen sorgt für neuartige Wahlmöglichkeiten in der „multioptionalen Gesellschaft", schafft aber auch Verwirrung und Unübersichtlichkeit. Hinzu kommt eine enorme Kommerzialisierung der jugendkulturellen Angebote (Mode, Trendsportarten, elektronische Auf – und Ausrüstung von I-Pod bis Playstation…), Jugendliche sind für zahlreiche Märkte zu potenten und ernstzunehmenden Konsumenten geworden.
Das zweite konzeptuelle Standbein der Offenen Jugendarbeit besteht daher in der stetigen und flexiblen Auseinandersetzung mit den sich rasch verändernden Moden, Stilen und Trends bzw. mit den diesen innewohnenden Potentialen und Risiken.

Zeitgemäße Offene Jugendarbeit oszilliert in ihrer konkreten Praxis zwischen diesen beiden Polen und hat dabei folgende inhaltliche Kristallisationspunkte zu gestalten:

 Das Jugendzentrum als Möglichkeitsraum
 Integrative Sozialpädagogik
 Geschlechtsspezifische Angebotsschwerpunkte
 Anlauf – und Clearingstelle bei Krisen und Notlagen
 Das Einüben adäquater Konsumkompetenz
 Das Jugendzentrum als Bühne und Partyzone
 Offene Jugendarbeit als Lobby für die Anliegen der Jugendlichen









Das Jugendzentrum als Möglichkeitsraum

Die kommerziellen Jugendfreizeitangebote sind meist finanziell wesentlich besser ausgestattet als öffentlich subventionierte Jugendhäuser, sie betreiben ihr „Entertainment" jedoch als unterhaltsame Einbahnstraße.
Das Jugendzentrum jedoch lädt zur aktiven Beteiligung, zu eigeninitiativen und kreativen Projekten ein. Es ist als planvoll vorstrukturierter Sozialraum konzipiert, in dem die Umsetzung eigener Wünsche und Initiativen gefördert und unterstützt wird.
Vom Bandprojekt bis zum HipHop – Contest, von der Fußballgruppe bis zum Skate – Event, von der Discoparty bis zum Sommer – Outdoor – Abenteuer werden Ideen Jugendlicher aufgegriffen und realisiert.
Der Möglichkeitsraum entsteht auch durch die prinzipielle Offenheit im Zugang, Mädchen und Burschen unabhängig von Herkunft, sozialer Schicht oder konfessioneller Ausrichtung sind ohne weitere Vorbedingung willkommen, woraus sich prinzipiell ein großer Pool an Austausch und gegenseitigem Lernen ergeben kann.

Angesichts der sich auch im Jugendzentrum widerspiegelnden gesellschaftlichen Ausgrenzungstendenzen und alterstypischen Abgrenzungsbemühungen müssen diese Prozesse sozialpädagogisch angeleitet werden.



Integrative Sozialpädagogik

Die Offenheit im Angebots des Jugendzentrums endet in der Praxis bei den Versuchen jugendlicher Cliquen oder spezieller jugendkultureller Gruppen, das Haus ausschließlich für sich in Beschlag zu nehmen. Härter als später unter Erwachsenen, wird von Jugendlichen das „Distinktionsbedürfnis" artikuliert und das „Revier" zu besetzen versucht.
Derartige Vereinnahmungsversuche sind alterstypisch normal, dürfen jedoch nicht in der kategorischen Ausschließung anderer Jugendlicher/ Jugendgruppen münden.
Zur wiederholten Herstellung und Aufrechterhaltung des offenen Klimas eines Hauses bedarf es der durchdachten Aktivitäten und pädagogischen Interventionen eines geschulten Personals.
Neben der Absicherung des „Möglichkeitsraumes" besteht eine bedeutsame Aufgabe der sozialpädagogischen Tätigkeit des Teams in der Aushandlung und stetigen Realisierung der Hausregeln.
Damit ist weniger die ebenso unverzichtbare „Hausordnung" gemeint, als vielmehr die Ermöglichung von Koexistenz und Toleranz sowie das sozial verträgliche Austragen von Konflikten zwischen Jugendlichen bzw. Jugendgruppen.
Diese Aufgabe stellt aufgrund der oben beschriebenen Abgrenzungsbedürfnisse Jugendlicher und der in das Jugendzentrum hineinragenden gesamtgesellschaftlichen Konfliktszenarien hohe Anforderungen an die Jugendarbeiter/innen.
Versteht man das Jugendzentrum als Mikrokosmos, in dem soziales Lernen ermöglicht wird, so können Hausregeln nur im Miteinander entwickelt und lebbar gemacht werden. Abgesehen von unumstößlichen Grundsätzen (keine Gewalt, keine Drogen, keine Diskriminierungen …), erzielen gemeinsam ausgehandelte Regelungen wesentlich höhere Akzeptanz und Identifikation als „top down" verordnete.

Das gesamte sozialpädagogische Angebot unseres Hauses wird von einer integrativen Grundhaltung geprägt, die „Exklusion", also der Ausschluss, ergibt sich lediglich über Alters(ober)grenzen und schwere Verstöße gegen die vereinbarten Regeln.
Wie oben erwähnt, gilt es aber, das Abgrenzungs – und „Exklusivitätbedürfnis" der Jugendlichen kreativ zu managen.
Sozialpsychologisch und gruppendynamisch definieren Cliquen von Jugendlichen über ein Ensemble von Vorlieben und Zeichen ein mitunter scharf abgegrenztes „Innen" und „Außen".
„Außen" sind dann je nach Codices und Raster der im Jugendzentrum definitionsmächtigen Gruppe(n) all jene, die stereotyp anderen Szenen/"Milieus" oder „Kulturen" zugeordnet werden. Die manchmal auch feindselig aufgeladene Abgrenzung folgt vielfach kulturellen Trennlinien, jugendkulturellen (z.B. „Skater gegen Skins"), aber auch ethnisch – kulturellen.
Offene Jugendarbeit kann gesamtgesellschaftliche Mechanismen und Tendenzen nicht außer Kraft setzen, sie kann allerdings durch das Aufweichen von Stereotypen und Lagerbildungen einen Kontrapunkt setzen.
Toleranz bedeutet nicht, alle gern haben zu müssen, sondern sich (wechselseitig) auszuhalten. Das „Fremde" wird meist als Zumutung erlebt, genau betrachtet, ist es eine Herausforderung.
Integration funktioniert am besten, wenn Jugendliche befähigt werden, sich dieser Herausforderung zu stellen oder auszusetzen, dazu bedürfen sie innerer wie äußerer Selbst – Sicherheit. Bei der Herstellung dieser Voraussetzungen können wir ebenso unseren Beitrag leisten wie bei der Organisation eines fairen Miteinanders im kleinen Rahmen.

Sozialpädagogik greift im Jugendzentrum also schon auf einer grundsätzlicheren Ebene als dort, wo sie in der Interaktion mit Jugendlichen als solche sichtbar wird.
Das Jugendzentrum ist per Definition ein vergleichsweise geringfügig vorstrukturierter Ort, entsprechend groß muss die Bereitschaft der Mitarbeiter/innen sein, in dieser Exponiertheit ihre eigene Person als „Arbeitsinstrument" einzusetzen und sich für die Jugendlichen „erlebbar" zu machen.
Auf der Basis von Respekt und Wertschätzung, die den Jugendlichen entgegengebracht, von diesen aber auch umgekehrt eingefordert werden, wird ein vertrauensvolles Beziehungsangebot lanciert, das für die Jugendlichen spezielle Chancen bietet: Gehen sie auf dieses Angebot ein, können sie von den reflektierten Erfahrungen der Erwachsenen profitieren, die sich auf sie mehr als andere einlassen, dabei aber das gesamtgesellschaftliche Anforderungsprofil im Auge behalten.
Parteilich ist dieses Engagement deshalb, weil es die aufrichtige Bereitschaft in sich trägt, die Welt aus den Augen der Jugendlichen zu betrachten, sozial verantwortungsvoll aber wird es erst, wenn es dabei nicht stehen bleibt.
Den wesentlichen Unterschied zu den von Jugendlichen im Umgang mit vielen Erwachsenen gemachten Erfahrungen bildet in dieser parteilichen Haltung jedoch die Bereitschaft, die Verhältnisse der persönlichen, sozialen und ökonomischen Umwelt einer kritischen Betrachtung zu unterziehen und daraus erwachsende Einsichten Jugendlicher zuzulassen.
In diesem Sinn entwickelt derart angewandte Sozialpädagogik demokratiepolitisch wichtige Lernprozesse.

Die Entfaltung kreativer Potentiale, das Erleben konstruktiver Gruppenaktivitäten und die Einübung adäquater Konfliktstrategien laufen in dem Terminus der „sinnvollen Freizeitgestaltung" zusammen, welche als konzeptueller Kern Offener Jugendarbeit verstanden wird.
Jugendliche suchen das Jugendhaus aber als „ganze Person" auf, sie bringen auch ihre Sorgen, Krisen und Nöte mit, die in der Lehre/Schule häufig keinen Platz haben und im Elternhaus mitunter verborgen gehalten werden. Das Jugendzentrum erscheint ihnen oft als der geeignete Ort, zumal wesentliche Voraussetzungen wie Vertrauen und Wissen um die Kompetenzen der Mitarbeiter/innen schon gegeben sind.
Im Sinn eines ganzheitlichen Ansatzes und unter Nutzung der besonderen „Niederschwelligkeit" des Zugangs zu Beratung soll diese im möglichen Rahmen angeboten und geleistet werden.



Geschlechtsspezifische Angebotsschwerpunkte

Ein wiederholt geäußerter Befund der vergangenen Dekaden diagnostizierte eine konzeptuelle und praktische Geringschätzung geschlechtsspezifischer Unterschiede durch die Offene Jugendarbeit.
Als Vorwurf formuliert, lautete die Feststellung der Jugendarbeitsforschung: „Jugendarbeit ist Jungenarbeit."
Unser Ansatz folgt dagegen dem zeitgemäßen Verständnis einer Sozialpädagogik, die das große wechselseitige Interesse von Burschen und Mädchen aneinander nicht zurückdrängt, den ebenso vorhandenen Wünschen nach geschlechtshomogenen Angeboten jedoch den nötigen Raum gewährt.
Diese richten sich sowohl an Burschen als auch an Mädchen, wobei aufgrund der klassischen – und trotz beträchtlicher Veränderungen weiterhin bestehenden – Rollenzuschreibungen das Angebot an die weiblichen Besucherinnen pointierter ausfällt.
Darunter verstehen wir die Unterstützung und Förderung eines weiblichen Selbstbewusstseins bei den Mädchen, das ihnen ein Stück alltagspraktische Selbstbestimmung und Entfaltung ermöglichen soll.
Burschen, wie souverän sie sich auch oft geben mögen, sind in Zeiten vielfältiger Männerbilder und diffuser werdender maskuliner Identitätsentwürfe häufig an Orientierungshilfen und authentischer Auseinandersetzung über eine passende Ausgestaltung ihrer Geschlechterrolle interessiert. Sie finden dazu im Jugendzentrum Vorlagen und können Formen der Rollenerweiterung einüben.



Anlauf – und Clearingstelle bei Krisen und Notlagen

Im Netzwerk sozialer Dienstleister wie der Jugendwohlfahrt, den Einrichtungen der Suchtberatung oder der Bewährungshilfe, kommt dem Jugendzentrum die Funktion einer ersten Anlaufstelle bei der Thematisierung von Problemen zu.
Bekanntermaßen setzt die freiwillige Inanspruchnahme spezialisierter Beratungsangebote eine entsprechende Problemwahrnehmung durch die Betroffenen, eine adäquate Motivation und eine gewisse Artikulationsfähigkeit voraus. Zudem stellt die Kontaktaufnahme mit solchen Stellen für viele Menschen das Eingeständnis des Scheiterns eigener Lösungsversuche dar und birgt ein Stigmatisierungsrisiko in sich. Dies gilt aufgrund der altersbedingten inneren Verunsicherung für Jugendliche in einem gesteigerten Maß.
Der offene und „unklinische" Zugang zu den Angeboten des Jugendzentrums ermöglicht ein vergleichsweise unbefangenes und unverfängliches Ansprechen „heißer Eisen" bzw. registrieren die Mitarbeiter/innen des Hauses aufgrund wahrnehmbarer Veränderungen der ihnen in der Regel gut bekannten Jugendlichen nennenswerte Veränderungen in deren Verhalten. Das „große Ohr" der Pädagog/inn/en hilft, schwer Aussprechbares zu thematisieren und ist somit wichtiger Teil eines psychosozialen „Frühwarnsystems" jugendlicher Krisen und Notlagen.
Die Nutzerlogik des Jugendzentrums ist punktgenau an die Lebensweise und Bedürfnisse Jugendlicher angepasst: Der Konflikt im Elternhaus wird beim Grillfest geschildert, die Anzeige nach dem Suchtmittelgesetz über dem Tischfußballtisch mitgeteilt und eine arbeitsrechtliche Frage gleichzeitig mit dem Wunsch nach einem Schinken – Käse – Toast artikuliert.
In der unkomplizierten und unbürokratischen Verbindung von lockerem Umgang im Alltagsbetrieb und bedarfsgerechter Erstabklärung und Weitervermittlung im Krisenfall liegt die Stärke der Beratungstätigkeit im Jugendzentrum.
Sie verlangt bei den Mitarbeiter/inn/en nach hoher Sensibilität, Augenmaß bei der Dimensionierung ihrer Aktivitäten und einem breit gestreuten Überblick hinsichtlich spezialisierter Einrichtungen, an die im Bedarfsfall weitervermittelt werden kann.

Die Deeskalation von Konflikten und Krisen sowie die Abwendung drohender Notlagen stellt also einen integralen Bestandteil unseres ganzheitlichen Konzepts der Offenen Jugendarbeit dar.
Im Idealfall aber gelingt es, der Entstehung solcher Probleme durch eine jugendgerechte Präventionsarbeit vorzubeugen. Die Offene Jugendarbeit mit ihrem Schwerpunkt auf kreativer Freizeitgestaltung und sozialpädagogischer Förderung kann dazu einen Beitrag leisten.



Das Einüben einer nachhaltigen Konsumkompetenz

Im Jahr 2009 suchten 244 Tiroler Jugendliche eine Schuldnerberatungsstelle auf. Diese alarmierende Zahl veranschaulicht eine Entwicklung unserer Lebensumstände hin zur so genannten „Konsumgesellschaft", in der mit werbepsychologisch ausgeklügelten Techniken beinahe nonstop ein Sperrfeuer an Konsumaufforderungen auf uns einprasselt.
Jugendliche sind für diese mit allerlei „Heilsversprechungen" garnierten Einladungen, den eigenen Selbst-Wert durch den Erwerb diverser Produkte aufzubessern, besonders anfällig.
„Shopping" meint nicht mehr die Anschaffung von Gütern des täglichen Bedarfs, sondern ist zu einer weit verbreiteten Form der Freizeitgestaltung geworden.
Jugendliche konsumieren, folgt man der oben genannten Statistik, wie ihnen empfohlen (oder besser: befohlen).
Im Unterschied zu den Werbungen der Pharmaindustrie fehlt bei der jugendgerecht präsentierten Produktpalette jedoch der Hinweis, wer über Wirkung und mögliche unerwünschte Nebenwirkung informiert.
Dem Jugendzentrum kommt in diesem Zusammenhang eine wichtige Aufgabe zu.
Dabei kommt es nicht darauf an, den aussichtslosen Wettbewerb mit der Werbebranche und ihren Auftraggebern aufzunehmen. Jedoch kann der zugleich vermittelten Grundhaltung des „Ich konsumiere, also bin ich.", eine Alternative entgegengesetzt werden.
Diese beginnt bei der Ermöglichung von Freizeitangeboten ohne Konsumzwang und setzt sich insbesondere im Erleben von sinnstiftenden und beglückenden Erlebnissen abseits der Warenwelt und vorgefertigter, kommerzieller „Events" fort.
Dabei meint „Konsumkompetenz" nicht den asketischen Verzicht auf die Möglichkeiten der Erlebnis – und Kulturindustrie, sondern den selbstverantwortlichen und bewussten Umgang damit. Das Jugendzentrum will einen Beitrag zum Erlernen und Einüben einer längerfristig „gesunden", persönlich planbaren und sozial verträglichen Konsumkompetenz leisten.
Diese Fähigkeit stellt eine der zentralen „soft skills" in einer sich am Überfluss berauschenden Konsumgesellschaft dar.
Sie ist eng gekoppelt mit der Genussfähigkeit, die - entsprechend gehandhabt – gegenüber Missbrauch und Sucht als protektiver Faktor anzusehen ist. Unser Haus soll also kein Ort der Versagungen sein, sondern eine Lern – Werkstatt für eine nachhaltig lebbare und vertretbare Form von Konsum und Genuss.



Das Jugendzentrum als Bühne und Partyzone

Abseits relativ genormter sozialer Orte wie Schule oder Lehrstelle bietet das Jugendzentrum eine Art Bühne, auf der sich die Jugendlichen spielerisch inszenieren und ausprobieren können.
Modische Vorlieben, jugendkulturelle Accessoires, Gesten, Posen und sprachliche Codes werden von den Burschen und Mädchen zu kleinen „Gesamtkunstwerken" verwoben und immer wieder neu inszeniert. Die Offenheit des Hauses und der durch die Mitarbeiter/inn/en gewährte Schutz vor Anfeindungen fördern diese von der Jugendforschung als „Bricolage" bezeichnete Experimentierlust.
Das Team des Jugendzentrums moderiert die derart angestoßenen Prozesse in der Peer – Group der Jugendlichen und hat mitunter selber Vorbildfunktion.
Jedenfalls lassen sich diese stilistischen Selbstentwürfe, die neben modischen Konjunkturen auch ein Stück Identitätssuche darstellen, optimal für kreative Projekte nutzen:
Streetdance, Kids am Laufsteg, Bandprojekte, DJ – Workshops, LAN – Partys und vieles mehr knüpfen an das Potential und Selbstverständnis von HipHop – Fans, Modelnachwuchs oder PC – Nerds an.
Die Rede von der „Ressourcenorientierung" findet im Jugendzentrum jedenfalls eine hochkarätige Umsetzung: Hier stehen die Stärken, Fähigkeiten und kreativen Potentiale im Vordergrund, das gegenseitige Lernen und „Empowerment" ersetzt als Grundhaltung die ansonsten weit verbreitete Konkurrenz oder den medial forcierten „Defizitblick" auf junge Menschen.
Offene Jugendarbeit soll sinnvolle Freizeitgestaltung ermöglichen, sie soll Selbstvertrauen fördern, Kritikfähigkeit schärfen, sie soll aber - ganz wichtig – auch dabei unterstützen, schöne Feste zu feiern.
Die „Party" stellt für viele Besucher des Jugendzentrums den wiederkehrenden Höhepunkt eines Jahres dar, sie ist der notwendige Kontrapunkt zu den Anforderungen des Alltags.
Gelungene Feste ergeben sich aber nicht von selbst, sie müssen gut geplant und durchgeführt werden. Im Jugendzentrum sind die Jugendlichen häufig in wechselnden Rollen Organisatoren und Gäste, sie veranstalten und genießen ihre „Fete" und eignen sich grundlegendes Know – how des „Kulturschaffens" an.
In diesem Sinn ist unsere Arbeit auch Jugend – Kultur – Arbeit.



Offene Jugendarbeit als Lobby für die Anliegen Jugendlicher

Eine Rückschau auf die vergangenen Jahrzehnte macht deutlich, dass es in der Wahrnehmung junger Menschen durch die Erwachsenenwelt zwei vorherrschende Dispositive gab: Jugendliche galten entweder als gefährdete oder als gefährliche gesellschaftliche Gruppe.
Je nach wirtschaftlicher und ideologischer Verfassung des „Establishments" dominierte der eine oder andere Fokus. Dabei handelte es sich in einem nicht unbeträchtlichen Ausmaß um Projektionen eigener Verunsicherungen und Ängste Erwachsener auf die nachkommende Generation.
Eine Aufgabe der Offenen Jugendarbeit bestand daher in der „Entzerrung" derartiger Bilder und der Beschreibung realer psychosozialer Gegebenheiten auf der Basis der über die Arbeit gewonnenen Einblicke in juvenile Befindlichkeiten.
Diese Herausforderung bleibt bestehen und kann als „außenpolitische Interessensvertretung" des Jugendzentrums wie auch als kommunale Hilfestellung jugendrelevanter politischer Entscheidungen verstanden werden.
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